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Beckenschiefstand: Ursachen und evidenzbasierte Behandlungsstrategien durch Chiropraktik und Osteopathie

  • Autorenbild: Sven Gaertner
    Sven Gaertner
  • 31. Juli
  • 4 Min. Lesezeit

Einleitung


Beckenschiefstand ist eine häufige Haltungsstörung, die sich durch eine asymmetrische Ausrichtung des Beckens im Frontal- oder Sagittalebene auszeichnet. Ein solcher funktioneller oder struktureller Beckenschiefstand kann zu Rückenschmerzen, Becken- und Hüftbeschwerden sowie muskulären Dysbalancen führen. In vielen Fällen bleiben Betroffene ohne klare Diagnose und erhalten unzureichende oder unspezifische Therapievorschläge. Dieser Beitrag skizziert die Anatomie und Pathophysiologie des Beckenschiefstands, definiert zentrale Auslöser und liefert einen evidenzbasierten Überblick über die Wirkprinzipien und Techniken von Chiropraktik und Osteopathie. Dabei fokussieren wir ausschließlich auf chiropraktische und osteopathische Interventionen und stützen uns auf Publikationen in PubMed-indexierten Fachzeitschriften. Ziel ist eine praxisnahe, lösungsorientierte Handlungsanleitung für Fachleute im Gesundheits- und Marketingbereich.


Verspannungen

In diesem Beitrag erfahren Sie:



1. Anatomie und Pathophysiologie des Beckenschiefstands


Der Beckenschiefstand entsteht, wenn das Becken nicht in der horizontalen Ebene ausgerichtet ist. Dabei können folgende anatomische Strukturen beteiligt sein:


Iliosakralgelenk (ISG): Bei Fehlstellungen kommt es zu einseitiger Gleit- oder Drehbewegung, die kompensatorisch zu Beckenschiefstand führt.


Sakrum und Wirbelsäule: Eine Rotation oder laterale Verschiebung im Lenden-Becken-Übergang beeinträchtigt die statische Balance und kann den Beckenschiefstand manifestieren.


Beinlänge: Anatomische oder funktionelle Beinlängendifferenzen korrelieren eng mit Schiefständen des Beckens. Eine radiologische Untersuchung zeigte in 421 Patienten sechs typische Muster der Frontalebenen-Asymmetrie, die mit Beinlängenunterschieden assoziiert waren.


Die Balance zwischen knöchernen Strukturen, Bändern und Muskulatur ist entscheidend. Ein Beckenschiefstand resultiert häufig aus dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren, die im nächsten Abschnitt detailliert aufgeführt werden.



2. Auslösende Faktoren und Ursachen


Für die Entstehung eines Beckenschiefstands lassen sich folgende primäre Auslöser identifizieren:


1. Anatomische Beinlängendifferenz: Angeboren oder posttraumatisch, führt zu asymmetrischer Lastverteilung und kompensatorischem Beckenschiefstand.


2. Muskel- und Faszienverkürzungen: Chronische Verspannungen im Iliopsoas, Quadratus lumborum oder an den Adduktoren begünstigen eine Hebung der Beckenschaufel auf einer Seite.


3. Haltungsbedingte Dysbalancen: Einseitiges Tragen von Lasten, langes Sitzen mit abgeknickten Beinen oder Dysbalancen durch Fußfehlstellungen tragen zur Dysfunktion bei.


4. Unfall und Traumata: Distorsionen im Bereich Hüfte oder Lendenwirbelsäule können sekundäre Fehlstellungen auslösen.


5. Degenerative Veränderungen: Arthrotische Prozesse im ISG oder lumbalen Bandscheiben führen zu segmentaler Instabilität und können Beckenschiefstand begünstigen.


Diese multifaktoriellen Ursachen erfordern eine differenzierte Diagnostik, um den individuellen Schiefstehungsmechanismus zu verstehen und zielgerichtete Therapiekonzepte zu entwickeln.



3. Diagnostische Verfahren


Eine präzise Diagnostik bildet die Grundlage jeder Therapie. Folgende Verfahren haben sich in der chiropraktischen und osteopathischen Praxis bewährt:


Palpation und Funktionsprüfung: Manuelle Beurteilung der ISG-Beweglichkeit und der Beckenstatik.


Digitaler Inklinometer: Validiertes Verfahren zur Messung des Sacral-Base-Angles; zeigte hohe Intra- und Interrater-Reliabilität.


Lasermessung und Fotogrammetrie: Ergänzend zur klinischen Untersuchung, v. a. bei komplexen Haltungsanalysen.


Röntgenaufnahmen (funktionell): Bei anhaltender Symptomatik zur Abklärung anatomischer Beinlängendifferenzen und knöcherner Anomalien.


Die Kombination aus klinischer Befundung und validierten Messverfahren erlaubt eine exakte Erfassung des Beckenschiefstands und ist essenziell für die Erfolgskontrolle nach Interventionen.



4. Chiropraktik beim Beckenschiefstand


4.1 Wirkprinzipien


Chiropraktiker nutzen manuelle Justierungen (Manipulationen), um die Gelenkkongruenz wiederherzustellen und reflektorische Muskelspastiken zu reduzieren. Zentrale Wirkmechanismen sind:


Reposition von ISG und Lendenwirbelgelenken: Normalisierung der Gelenkmechanik.


Neuromuskuläre Reorganisation: Verbesserung der propriozeptiven Return-Feedback-Schleifen.


Dekompression: Entlastung von Strukturen und Reduktion von Irritationen im Band- und Kapselapparat.


4.2 Techniken und Vorgehen


Diversified Technique: High-Velocity-Low-Amplitude (HVLA) Adjustierungen an ISG oder Lendenwirbeln.


Manipulatorisch-assistierte Techniken (Activator): Präzise Force-Durchführung bei gleitender Aktivierung des ISG.


Muscle Energy Technique (MET): Patientengesteuerte Kontraktion gegen Widerstand zur Mobilisierung des Beckens.


Soft-­Tissue-Manipulation: Myofasziale Entspannung der Iliopsoas- und Quadratus-lumborum-Muskulatur.


4.3 Evidenzlage


• Ein RCT belegte, dass mechanische Kraft-Manipulation (spinal manipulation) die Rumpfmuskelkraft signifikant erhöht, was zur Stabilisierung des Beckens beiträgt.


• Fallstudien aus dem Sportbereich zeigten komplette Regeneration von Hamstring-Verletzungen nach Korrektur lumbopelviner Biomechanik durch chiropraktische Justierungen.


• Systematische Übersichten zu Schwangerschaftsschmerzen (LBP und PGP) bewerteten chiropraktische Mobilisationen als „inconclusive but favorable“, was Potenzial für die Behandlung von Beckenschiefstand signalisiert.


Chiropraktische Interventionen zeigen versprechende Ergebnisse hinsichtlich Schmerzreduktion und Funktionsverbesserung bei Beckenschiefstand, wenngleich weitere spezifische RCTs zur Schiefstandsbehandlung erforderlich sind.



5. Osteopathie beim Beckenschiefstand


5.1 Wirkprinzipien


Osteopathen verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz, bei dem biomechanische, vaskuläre und neuronale Komponenten integriert werden. Kernelemente sind:


Balanced Ligamentous Tension (BLT): Gleichgewicht der ligamentären Spannungen im Beckengürtel.


Myofascial Release: Lösung von Faszienrestriktionen rund um das Becken.


Craniosacrale Therapie: Indirekte Beeinflussung der Sacrum-Becken-Mechanik über craniosacrale Rhythmen.


5.2 Techniken und Vorgehen


HVLA-Manipulation: Ähnlich der diversifizierten Technik, jedoch in osteopathischem Kontext.


Counterstrain: Positionierung in schmerzlindernder Stellung, um myofasziale Triggerpunkte zu lösen.


Muscle Energy Technique: Muskel­ko-kontraktion zur Feineinstellung des Beckenschiefstands.


Viszerale Mobilisierung: Beeinflussung bindegewebiger Verbindungen zum Becken.


5.3 Evidenzlage


• Meta-Analyse zeigte, dass osteopathische manipulative Behandlung LBP und Beckenschmerzen in Schwangerschaft und Postpartum signifikant reduziert (MD Schmerzreduktion ­16,65 mm VAS; SMD Funktion +0,50).


• Eine umfassende Metaanalyse ergab, dass OMT bei chronischem unspezifischem LBP einen moderate Effekt (Cohen’s d = –0,30) aufweist und längerfristig anhält.


• RCTs belegen, dass OMT im Vergleich zu Sham-Manipulation signifikante Verbesserungen in Schmerzreduktion und Funktion zeigt.


Osteopathische Interventionen sind somit durch hochwertige Metaanalysen und RCTs in ihrer Wirksamkeit belegt und stellen eine valide Option zur Korrektur des Beckenschiefstands dar.



6. Integration und kombinierte Therapieansätze


Eine synergetische Kombination aus chiropraktischen Justierungen und osteopathischen Techniken kann individuelle Dysfunktionen des Beckens umfassend adressieren. Empfohlener Ablauf:


1. Initialbefund und Diagnostik


2. Chiropraktische Mobilisierung zur Reposition der Gelenke


3. Osteopathische Feineinstellung (BLT, Myofascial Release)


4. Aktive Einbindung des Patienten (MET, Haltungsübungen)


5. Reevaluation nach 4–6 Sitzungen


Studien belegen, dass multimodale manuelle Ansätze synergistisch zur Schmerzreduktion und Funktionsverbesserung beitragen.



7. Fazit und Handlungsempfehlungen


Beckenschiefstand ist eine komplexe Störung, die zielgerichtete Diagnostik und spezialisierte manuelle Therapien erfordert. Sowohl Chiropraktik als auch Osteopathie bieten evidenzbasierte Verfahren zur Korrektur des Beckenschiefstands und zur nachhaltigen Schmerzreduktion.


Empfehlungen für die Praxis:


Frühzeitiges Screening mittels digitalem Inklinometer und Palpation.


Interdisziplinäre Vernetzung von Chiropraktikern und Osteopathen zur optimalen Therapiekombination.


Patientenschulung zu Haltung, Alltagsmodifikation und Eigenübungen.


Langzeitkontrollen zur Sicherstellung der Stabilität und Verhinderung von Rezidiven.


Eine konsequente Implementierung dieser evidenzbasierten Konzepte bietet Betroffenen schnelle und nachhaltige Linderung bei Beckenschiefstand und stärkt die Positionierung der Praxis im Social-Media-Marketing durch fundierte, lösungsorientierte Inhalte.

 
 
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